4.2

Wolfgang Isers "Leerstellen"

 


Wolfgang Iser (*1926)

Wolfgang Iser modifiziert Ingardens Konzept, indem er zwischen "Unbestimmtheitsstellen" und "Leerstellen" unterscheidet. Ingarden benutzte den Begriff der Leerstelle synonym mit dem der Unbestimmtheitsstelle (1931, S. 265); Iser betont dagegen:

"Ergeben sich Leerstellen aus den Unbestimmtheitsbeträgen des Textes, so sollte man sie wohl Unbestimmtheitsstellen nennen, wie es Ingarden getan hatte. Leerstellen indes bezeichnen weniger eine Bestimmungslücke des intentionalen Gegenstandes bzw. der schematisierten Ansichten als vielmehr die Besetzbarkeit einer bestimmten Systemstelle im Text durch die Vorstellung des Lesers. Statt einer Komplettierungsnotwendigkeit zeigen sie eine Kombinationsnotwendigkeit an." (Iser 1976, S. 284)

Den systematischen Ort von Leerstellen bestimmt Iser durch das Aneinanderstoßen verschiedener Textschichten, sogenannter "Schnitte" (4.2.1).

Die Funktion der Leerstellen ist es nach Iser, dem Leser einen Auslegungsspielraum zu eröffnen, durch den er den Sinn mitkonstituiert (4.2.2).

In neuerer Zeit hat Isers Begriff der Leerstelle weit über die Texthermeneutik hinaus Karriere gemacht – so in der Kunstgeschichte (4.2.3), der Filmtheorie (4.2.4) und der Musikwissenschaft (4.2.5).