Seminar im SS 2007

 


Peter Matussek

Goethe-Rezeption als kulturanalytische Symptomatik – am Leitfaden der Naturlyrik


 

 

 
   
 

Auch wenn Goethe seinen Werken eine einheitliche Grundtendenz attestiert – er spricht von „Bruchstücken einer großen Konfession“ – unterliegt diese Konfession doch signifikanten Veränderungen. Insbesondere an der Naturlyrik lässt sich ablesen, wie Goethes Denken, Fühlen und ästhetischer Ausdruck von wechselnden Erfahrungshorizonten geprägt sind.
So wandlungsreich wie Goethes Naturlyrik ist auch deren Rezeption. Interpreten verschiedener Zeiten und Kulturen legen dieselben Gedichte unterschiedlich aus, entwickeln unterschiedliche Vorlieben und Abneigungen für die Naturbilder der einzelnen Werkphasen. Kulturelle Umbrüche etwa indizieren sich durch eine Affinität zu Goethes Sturm und Drang, während Restaurationsepochen das harmonisierende Naturbild der Hochklassik bevorzugen. Japaner wiederum lesen anders als Deutsche und verstehen sich, mit an der Haiku-Tradition geschultem Gespür, insbesondere auf die naturlyrischen Subtilitäten der Frühklassik.
Aufschlussreich sind solche Beobachtungen nicht nur für unsere Goethekenntnis, sondern auch für die kulturanalytische Diagnostik. Die epochenübegreifende und weltweite Prominenz der Goetheschen Naturlyrik hat ein bedeutendes Archiv von Rezeptionsdokumenten hervorgebracht, die als symptomatische Indikatoren kulturhistorischer Befindlichkeiten gelesen werden können. Walter Benjamin spricht
in einem ähnlichen Zusammenhang von „Flaggensignalen“ und wähnt: „Wer sie zu lesen verstünde, der wüßte im voraus nicht nur um neue Strömungen der Kunst, sondern um neue Gesetzbücher, Kriege und Revolutionen.“Können wir solche Flaggensignale lesen? Inwieweit das gelingen kann, will das Seminar erkunden – sowohl anhand exemplarischer Rezeptionsdokumente als auch unserer eigenen Lesarten.